Erfahrungsbericht: Gender Neutral Bathroom Challenge

Bei der Gender Neutral Bathroom Challenge1 sollte es darum gehen, einen Monat lang keine Toiletten zu benutzen, die nur für Männer* oder Frauen* gedacht sind, sondern eben nur geschlechtsneutrale Toiletten. Der Hintergrund ist, dass für viele Trans*-Leute geschlechtlich getrennte Räume ein Problem sind. Zum Beispiel weil sie nicht als das Geschlecht wahrgenommen werden werden, auf deren Toilette sie gehen und deshalb befürchten müssen, von anderen Benutzer_innen schief angeguckt, angefeindet oder gar körperlich angegriffen zu werden. Oder auch weil sie sich selbst nicht als Mann* oder Frau* verorten und in beiden Räumen fehl am Platz wären.

Während die meisten Toiletten in Privatwohnungen nicht geschlechtsbezogen sind und von allen Geschlechtern benutzt werden können, sind öffentliche Toiletten sehr oft nach Geschlechtern getrennt. Wenn mensch nun aber nicht zuhause ist und aber muss, wohin gehen?

Ich habe also einen Monat bewusst darauf geachtet und wollte selbst die Erfahrung machen, was es für Umstände bedeutet, nicht auf geschlechterbezogene Toiletten zu gehen. Dadurch verstehe ich längst nicht alle Probleme, die Trans*/nicht geschlechterkonforme Menschen im Alltag haben und es zeigt mir auch nicht, wie es ist, trans* zu sein.

manchmal leicht

Schild für eine geschlechtsneutrale Toilette Anfangs war ich hauptsächlich in Privatwohnungen oder mit der Bahn unterwegs und musste nichts beachten, weil fast alle Toiletten geschlechtsneutral waren. Schwieriger wurde es, als die Unizeit wieder losging und ich mich die meiste Zeit des Tages an der Uni und in Cafés/Kneipen aufhielt.

Glücklicherweise gibt es an der Universität Toiletten für Rollstuhlfahrer_innen. Und glücklicherweise sind diese meistens nicht in geschlechtsbezogene Toilettenräume integriert, sondern einzelne Räume ohne geschlechtliche Bestimmung. Ich ging also dorthin, um nicht auf eine Toilette für Frauen* oder Männer* zu gehen. Aber nicht alle Gebäude haben Rolli-Toiletten. Das machte einige Umwege erforderlich und ich plante meine Toilettengänge mehr. Es gab auch Situationen, in denen ich Leute warten lassen musste, weil ich ihnen nicht erklären wollte, dass ich mal eben in ein anderes Gebäude laufe um dort aufs Klo zu gehen. Im großen und ganzen funktionierte es aber.

Ich hatte mir vorgestellt, andere Leute bei den Toiletten zu treffen, die auch Probleme mit geschlechtergetrennten Räumen haben. Eine Sorge von mir war, dass ich von anderen Leuten gefragt werde, was ich da tue. Oder dass ich einer_einem Rollstuhlfahrer_in die Toilette besetze und er_sie dann sauer ist. Aber da die meisten Rolli-Toiletten aber an weniger belebten Orten zu finden sind, traf ich eigentlich nie jemanden. Nur einmal hat jemand versucht die Tür zu öffnen und war hörbar genervt davon, dass besetzt ist. Es war allerdings niemand zu sehen, als ich kurz danach raus kam. Wahrscheinlich hat sich der Mensch ein anderes Klo gesucht.

manchmal schwieriger

In Kneipen und Cafés hatte ich nicht so viel Glück mit den Toiletten. Dort gab es eigentlich nur welche für Männer* oder für Frauen*. Sogar an den scheinbar alternativeren Orten gab es nur diese zwei Möglichkeiten.

Einmal habe ich deshalb mit der Challenge gebrochen und bin bewusst auf eine Frauen*-Toilette gegangen. Für die nächste geschlechtsneutrale Toilette hätte ich nach Hause gehen und wiederkommen müssen. Das war mir zu viel Aufwand und da ich grade relativ alleine in dem Gebäudeteil war, schätzte ich die Gefahr nicht so groß ein, dabei gesehen zu werden. Ich vermute, dass auch andere Menschen, die vom Toilettendilemma betroffen sind, solche Abwägungen machen und auf geschlechtergetrennte Toiletten gehen, wenn sie denken, dass die Gefahr gering ist, dort gesehen oder reglementiert zu werden.

Ein anderer Ausweg um nicht auf geschlechtsbezogene Toiletten zu gehen ist, einfach nicht auf Toilette zu gehen. Manche Leute halten lieber stundenlang aus oder trinken nichts/wenig, wenn sie weggehen, um nicht in Verlegenheit zu kommen, eine geschlechtsneutrale Toilette finden zu müssen und dort komische Reaktionen zu befürchten haben. Weil meine Toilettensituation relativ gut war, musste ich das aber nicht machen.

Erfahrungen nach der Challenge

Ich kannte schon vor der Challenge Erlebnisse auf geschlechtsbezogenen Toiletten, bei denen andere komisch auf mich reagiert haben oder in Frage gestellt haben, ob ich auf der „richtigen“ Toilette bin (oder ob sie selbst „falsch“ sind). Solche Situationen habe ich bisher eher positiv erlebt, weil es mir gezeigt hat, dass andere sehen, dass ich nicht so sehr an meinem Frau*sein hänge.

Als ich aber ein paar Tage nach der Gender Neutral Bathroom Challenge auf ein Frauen*klo ging und wieder so eine Situation auftrat, dass ein Mensch durch sein Verhalten gezeigt hat, dass er von meiner Anwesenheit verwirrt ist, war ich diesmal nicht so froh darüber, sondern eher wütend. Mir wurde klar, dass manche Menschen regelmäßig solche (und schlimmere) Erfahrungen machen müssen und keine Wahl haben, diese zu vermeiden, weil es keine alternative Toilette gibt, auf der sie nicht für Verwirrung oder doofe Sprüche sorgen. Ich fragte mich: Wo soll ich denn sonst hingehen, wenn nicht auf diese Toilette?

Insofern hat die Challenge meine Sicht auf die Dinge verändert. Geschlechtsneutrale Toiletten sind kein Partygag. Für manche Leute ist es wichtig und unheimlich erleichternd, eine Toilette zu haben, auf die sie unabhängig von ihrem Geschlecht gehen können.

Tipp: safe2pee.org ist ein Mitmach-Projekt, wo du geschlechtsneutrale Toiletten finden und eintragen kannst. Zur Zeit sind die meisten Einträge in Nordamerika, aber das kann sich ja ändern… Noch besser wäre es natürlich, dafür zu sorgen, dass es mehr geschlechtsneutrale Toiletten in deiner Umgebung (an der Uni, auf Arbeit, in deinem Lieblings-Café, bei der nächsten Party…) gibt.

Links (Englisch):

Außerdem empfehlenswert: der kurze Dokumentarfilm „wrong bathroom“

  1. auf Deutsch ungefähr: Geschlechtsneutrale-Toiletten-Aufgabe [zurück]